Auf dieser Seite findet ihr kurze Leseproben meiner Werke.
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!


Leseprobe "Blutfrieden"

Copyright 2012 Benjamin Blizz

 

Prolog

Vor neunzehn Jahren ...

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne verfingen sich im dichten Blätterwerk der Bäume und verschwanden schließlich hinter einer nahe gelegenen Hügelkuppe. Dunkelheit senkte sich über die Szenerie. Innerhalb weniger Minuten zogen bedrohliche, grauschwarze Gewitterwolken über dem eben noch klaren Himmel auf und ließen die Umgebung noch düsterer erscheinen, als sie ohnehin schon war.
Die junge Frau rannte noch schneller. Heruntergefallene Zweige knackten verräterisch unter ihren hastigen Schritten und Laub, welches durch den Luftzug ihres weiten Kleides herumgewirbelt wurde, raschelte deutlich hörbar. Was ihr zuerst wie Hundegebell erschienen war, entpuppte sich nun als ein Chor männlicher Stimmen, der beständig näher kam. Zwischen die brüllenden und treibenden Rufe mischten sich anzügliche Drohungen. Das Stimmengewirr gewann mit jeder Minute an Intensität, steigerte sich zu einem Crescendo des Grauens, bis sich die junge Frau beide Hände auf die Ohren presste, um das Geschrei ihrer Häscher nicht länger ertragen zu müssen.
Unachtsam geworden verfingen sich ihre Beine schmerzvoll in dornigen Ranken. Sie spürte das warme Blut die Knöchel hinab rinnen, doch ignorierte sie die Qual und hastete weiter. In welche Richtung sollte sie fliehen? Wo konnte sie sich verstecken? Ihre Panik steigerte sich ins Unermessliche. Alle waren tot. Die gesamte Eskorte der treusten und besten Streiter in kürzester Zeit aufgerieben. Die tapferen Männer hatten bis zuletzt standgehalten, um sie zu verteidigen, doch gegen eine absolute Übermacht hatten auch sie nichts ausrichten können. Sie waren in eine hinterlistige und gut durchdachte Falle gelockt worden.
Das goldene Haar der Schönheit starrte vor trocknendem Blut, das nicht das ihre war. Krampfhaft rebellierte ihr Unterleib und hinderte sie am Vorwärtskommen. »Bloß nicht jetzt!«, betete sie innerlich. Ihre Chancen, lebendig aus der rasenden Treibjagd herauszukommen, tendierten schon unter den jetzigen Bedingungen gegen Null, doch das strampelnde Baby in ihrem Leib machte es zu einem Ding der Unmöglichkeit.
»Glaube mir, es ist nicht der richtige Zeitpunkt das Licht der Welt zu erblicken«, versuchte sie ihr eigen Fleisch und Blut mental zu erreichen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass ihre Flucht vergeblich war. Inmitten des Feindeslands und ohne Hoffnung auf Rettung durch die eigenen Streitkräfte konnte es sich nur noch um Minuten handeln. Die schreckliche Erkenntnis paralysierte ihr Handeln. Kraftlos ließ sie sich auf dem sanften und taufrischen Moos zu Boden sinken. Der Adrenalinschub, der noch eben durch ihre Adern gerauscht war, ebbte ab.
»Hier ist eine frische Spur!«, tönte es ganz aus der Nähe. »Gleich haben wir sie!«
Marie, wie der Name der jungen Frau lautete, hielt den Atem an. Beide Herzen schlugen nun fast synchron. Sollten sie die Soldaten finden, wäre alle Hoffnung verloren. Hoffnung auf eine friedliche Welt ohne Tod und Zerstörung, auf eine Welt, die nicht dem Untergang geweiht war, doch diese grausamen Schergen würden sich ihre eigene Zukunft zwangsweise verbauen. Marie wollte nicht sterben und noch weniger wollte sie, dass ihr Kind nie die Freuden des Lebens kennen lernen würde. Sie faltete die Hände und begann leise murmelnd zu beten. Auch auf die Gefahr hin, ihre Position zu verraten. Der Glaube an das Gute war das Einzige, was ihr noch die Kraft gab, bei Besinnung zu bleiben. Wie gerne hätte sie einfach losgelassen, sich den bevorstehenden, grauenhaften Moment erspart, doch ein eigenartiger Stolz verbot es ihr. Sie war stolz, stolz auf ihre Herkunft, auch wenn nicht alle ihres Volkes stolz auf sich sein konnten. So schnell die Fragen nach dem „Wie“ und dem „Warum“ in ihrem Kopf Gestalt annahmen, so schnell verblassten sie auch wieder angesichts ihrer ausweglosen Situation. Wäre sie nicht geflohen, hätte die Zukunft sicherlich anders ausgesehen, aber das Schicksal ließ einem niemals eine Wahl. Vielleicht war es sogar gut so, wie es war. Die Flucht war auf jeden Fall unabdingbar gewesen, daran bestand kein Zweifel.
Die Wehen kamen nun in sehr kurzen Abständen. Sie schnappte sich einen herumliegenden Stock und biss mit Leibeskräften darauf. Der ekelerregende, modrige Geschmack ging in einer Welle des Schmerzes unter, der ihre Beckengegend durchfuhr und sich im gesamten Körper ausbreitete. Zischend sog sie zwischen dem Pressen Luft durch die Nase ein. Ob der Geburtsschmerz wahrhaftig die göttliche Strafe für die „Lüsternheit“ der Frau war? So behaupteten es zumindest die Priester des Dromo, doch sie glaubte nicht daran. Die Urgötter hatten es nicht so gesehen und wer an ihnen zweifelte, dem wahr nicht mehr zu helfen. Leider glaubten nur noch die Wenigsten an die Urgötter, eine Tatsache, die der Entwicklung der Menschenvölker nicht zwingend gut getan hatte.
Wie sehr wünschte sie sich ihren Mann an ihre Seite, eine starke Hand, die ihr in diesem Augenblick zur Seite stand. Doch ihr Mann war vermutlich selbst schon tot, so wie sie es bald sein würde. Zwischen dem konturlosen Buschwerk funkelten mehrere Lichter auf und deuteten an, dass die Verfolger jeden Moment erscheinen würden. Gerade, als sie sich peitschend durch das Unterholz und die sperrigen Sträucher schlugen, kam Maries Kind zur Welt. Es schrie augenblicklich los, auch ohne den obligatorischen Klaps auf den Hintern erhalten zu haben. Seine Schreie besiegelten das weitere Geschehen. Etwa ein Dutzend schwer bewaffnete Soldaten in schwarz-goldenen Gewändern mit wehenden Umhängen umzingelten die Gebärende. Unter den Waffenröcken des Herrschers trugen sie funkelnde Kettenhemden und einzelne Rüstplatten: jegliches Metall auf Hochglanz poliert. Ein älterer Mann, offensichtlich der Anführer der Truppe, trat vor. Langsam ließ er sich in die Hocke nieder. Er betrachtete zuerst das Baby, dann seine Mutter. Trauer machte sich auf seinem Gesicht breit. Für einen Moment glaubte sie, ihn schon einmal im Palast gesehen zu haben.
»Ich flehe Euch an. Bitte habt Erbarmen. Verschont meinen Sohn!«, flehte sie. Dass es ein Junge war, hatte sie kurz zuvor entdeckt. Überraschend flaute der Wind ab. Es wurde totenstill. Wenn Marie nicht alles täuschte, hatte sie soeben eine Träne über die raue Wange des erfahrenen Streiters rinnen sehen. Die Meute im Hintergrund wurde unruhig, doch niemand sagte ein Wort.
Hoch oben über ihrer aller Köpfe zog ein geflügelter Draal seine Kreise. Die gewaltigen Schwingen eng angelegt ging er in den Sturzflug über, rauschte durch die Baumwipfel und landete kreischend auf einem dicken Ast. Die Soldaten fuhren erschrocken zusammen, konnten ihn jedoch nicht erspähen.
»Es wird Zeit!«, mahnte einer an den Anführer gerichtet. Als hätte er den Befehl verstanden, schlug der Draal aufgeregt mit den Flügeln und ließ eine Wolke aus Blättern und Zweigen niedergehen. Ein Soldat wich im letzten Moment zur Seite.
Marie wimmerte nur noch, hielt ihre Gefühle nicht mehr zurück. Was sollte es jetzt noch ändern, wenn sie stillschweigend abwartete. Niemand würde sie für ihre Tapferkeit in Erinnerung behalten. Der Graubärtige zog in Bruchteilen einer Sekunde sein Schwert und ließ es niedersausen. Abrupt endete das Leben der jungen Frau; es ging zu schnell, als dass sie Schmerzen verspürt hätte. Der Krieger wischte sich mit einer automatisierten Handbewegung das Blut aus dem Gesicht und hob das Schwert erneut. Er fixierte das Neugeborene; seine Hände begannen zu zittern. Er wusste, dass er zustoßen musste, doch eine seltsame, undefinierbare Kraft schloss sich um seine Handgelenke. Er konnte es einfach nicht tun, konnte keine Säuglinge ermorden. Schon das Gesicht der Frau würde er niemals wieder vergessen. Es hatte sich in seine Netzhaut eingebrannt und würde jeden Abend, bevor er einschlief, vor seinem inneren Auge vorüber ziehen. Schweißgebadet steckte er das Schwert wieder in die Scheide. Er vergaß sogar, es vorher abzuwischen. Seine Männer starrten ihn irritiert an, als ob sie keine Skrupel gehabt hätten, doch er wusste es besser. Auch sie hätten die Aufgabe nicht über sich bringen können. Das Kind würde ohnehin in kürzester Zeit sterben. Sie hatten es bereits getötet, als sie ihm seine Mutter genommen hatten. Er packte es wie ein Bündel und legte es sanft in einiger Entfernung ins Moos. Dann kehrte er zurück und warf eine getränkte Fackel auf die sterblichen Überreste der Frau. Die Flammen züngelten erst spärlich, dann immer stärker. Gierig machten sie sich über ihr Opfer her. Der Bärtige schaute noch ein letztes Mal über seine Schulter und entfernte sich respektvoll. Die Soldaten atmeten erleichtert auf, ihre Arbeit war getan. Gemäßigten Schrittes kehrte sie zum Ausgangspunkt zurück und unterhielten sich leise dabei. Was sie nicht sahen, war, wie ihr Befehlshalber lautlos vor sich hin weinte, während er sein Pferd beim Zügel packte und sich geschickt auf dessen Rücken schwang.
Das Baby war in der Zwischenzeit still geworden. Seine gerade erst geöffneten Augen sahen schemenhaften die verkohlten Überreste seiner Mutter, von denen noch vereinzelt Rauchschwanden gen Himmel schwebten.
Die Wolken stoben auseinander, der Mond lugte wieder hervor und erhellte die kleine Lichtung. Der Draal hüpfte nervös auf und ab. Seine Augen konnten auch bei Nacht absolut klar sehen. Die Intelligenz dieser Tierart übertraf die aller anderen bei Weitem. Im Unterholz konnte der Draal eine weitere Gestalt ausmachen, kurz darauf erkannte er sie als menschlich. Er beobachtete, wie die Person schlurfend auf die Lichtung trat und sich vorsichtig umsah. Schneeweißes Haar blitzte unter ihrer Kapuze hervor und ein violett glühender Anhänger ruhte auf ihrer schmalen Brust. Das Tier legte den Kopf schief, als der alte Greis es direkt ansah. Der Greis ging auf das Baby zu und nahm es behutsam in seine Arme, dann schritt er davon.
Der Draal saß noch eine ganze Weile auf dem Ast, der allmählich nachgab. Kurz bevor das Holz gänzlich entzwei brach, stieß er sich mit einem kraftvollen Stoß ab und flog dem Mond entgegen. Graziös machte er eine Wende und verschwand in der Schwärze der Nacht.

 
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